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Zahlen zu Machtmissbrauch im Sport

Zahlen zu Machtmissbrauch im Sport

Ein Überblick über ein kontrovers diskutiertes Thema mit Zahlen zu Machtmissbrauch im Sport

Mit dem Verein #WeTogether zur Prävention von Machtmissbrauch im Sport wurde eine Anlaufstelle geschaffen, die Betroffene telefonisch oder via Kontaktformular auf WeTogether.at erreichen können. Bei Mitgründerin Nicola Werdenigg persönlich gingen ebenso Kontaktaufnahmen auf allen möglichen Kanälen ein. Nun liegen die ersten Zahlen auf dem Tisch. Auch der vom WEISSEN RING betriebene Opfer-Notruf 0800 112 112 erfasst seit November 2017 das Thema „Machtmissbrauch im Sport“ als eigenständige Kategorie.

Analyse der Meldungen in Zahlen

Vom 20.11.2017 bis 2.7. 2018 gingen bei Nicola Werdenigg persönlich bzw. ab 20.1.2018 auch via Kontakt-Formular auf WeTogether.eu insgesamt 114 Meldungen ein und wurden erfasst.

  • 43 Meldungen stammten aus dem Sport
  • davon 25 von Betroffenen selbst
  • 18 von Angehörigen, Kolleg*innen und Zeug*innen.
  • Die übrigen 71 Kontaktaufnahmen verteilten sich auf andere Themen (43) oder sie waren zu vage, um weiter verfolgt werden zu können (28).

Meldungen, die sich auf „Missbrauch im Sport“ bezogen

Meldungen aus dem gesamten Zeitraum 1968 bis 2017

Der früheste Zeitpunkt, zu dem Tatvorwürfe erhoben wurden, ist 1968, der späteste 2017. Tatvorwürfe finden sich in allen Jahrzehnten dazwischen.

Schwerpunkt Ski Alpin und Nordisch

Mehr als 80% der Meldungen aus dem Sport, können dem Bereich Leistungssport Ski Alpin und Nordisch zugeordnet werden. Rund 55 % der mutmaßlich Betroffenen erlebten die gemeldeten Vorfälle in skisportspezifischen Schulen, rund 41% in ÖSV-Nationalkadern Alpin, rund 7% im ÖSV-Kader Nordisch.

Von Vergewaltigung über Stalking bis zu psychischer Gewalt

Die Tatvorwürfe reichen von Gruppenvergewaltigung, Vergewaltigung, Missbrauch von Kindern bis 14 Jahren, Sex mit schutzbefohlenen Minderjährigen über Stalking, Sexismus, psychische Gewalt bis zu ungerechtfertigten Wettkampfsperren. Davon sind insgesamt 34 Personen als mutmaßliche Betroffene namentlich bekannt.

Statement Opfernotruf Weisser Ring

Beim Opfer-Notruf 0800 112 112 wurden im Zeitraum 24.11.2017 bis 2.7.2018 insgesamt zwölf Anrufe zum Thema „Machtmissbrauch im Sport“ registriert.

Die Betroffenen wurden telefonisch betreut und an zuständige Beratungsstellen weitervermittelt. Es ging dabei um unterschiedliche Problemstellungen, von der Organisation von Krisenintervention bis hin zur Weitervermittlung an Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte zur Prüfung einer eventuellen Verjährung.

Nur mit ausdrücklicher Zustimmung von Betroffenen

Zu dieser Zahl ist festzuhalten, dass Anrufe Betroffener nur dann der Kategorie „Machtmissbrauch im Sport“ zugeordnet wurden, wenn die Anrufenden dem ausdrücklich zustimmten. Betroffene, die einer Registrierung nicht zustimmten, begründeten ihre Ablehnung damit, alte Wunden nicht wieder aufreißen lassen zu wollen. Betroffene möchten sich nicht dem Risiko aussetzen, dass ihnen nicht geglaubt wird und sie in der Öffentlichkeit diffamiert werden.

Bedenken von Betroffenen

Generell befürchten viele Verbrechensopfer, dass ihnen nicht geglaubt und ihnen Mitschuld bzw. Mitverantwortung zugeschrieben wird. Beim aktuellen Thema kommt dazu, dass sich viele Betroffene aus dem Bereich des Sports diesem nach wie vor eng verbunden fühlen und den Ruf „ihrer“ Sportart nicht beeinträchtigen möchten.

Hohe Dunkelziffer zu erwarten

Es ist zu befürchten, dass es sich bei diesen Zahlen nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Denn generell ist aus Sicht der Viktimologie gerade bei Verletzungen der sexuellen Integrität und Selbstbestimmung von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Das belegen zahlreiche Untersuchungen.

So kommt eine österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern (Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien) aus dem Jahr 2011 zu dem Ergebnis, dass drei Viertel aller Frauen in ihrem Leben sexuelle Belästigung erlebt haben (74,2%), nahezu ein Drittel aller Frauen sexuelle Gewalt erfahren hat (29,5%).

Beim Tatbestand der Vergewaltigung wird von einer Dunkelziffer 1:11 ausgegangen. Das bedeutet, dass auf jede Vergewaltigung, die angezeigt wird, 11 Vergewaltigungen kommen, die den Strafverfolgungsbehörden nicht bekannt werden. Auch im Bereich des Machtmissbrauchs im Sport muss davon ausgegangen werden, dass es ein breites Dunkelfeld von Übergriffen gibt, die nie angezeigt und auch nicht gemeldet worden sind.

Opfer-Notruf 0800 112 112

Der Opfer-Notruf ist eine kostenlose Hotline, die täglich rund um die Uhr erreichbar ist. Der Opfer-Notruf ist Anlaufstelle für alle Themen rund um Kriminalität aus dem Blickwinkel von Opfern. Besonders geschulte Jurist/inn/en und Psycholog/inn/en stehen für entlastende Gespräche jederzeit gerne zur Verfügung.

Der Opfer-Notruf 0800 112 112 wird vom Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz finanziert und vom WEISSEN RING Verbrechensopferhilfe seit über 10 Jahren betrieben.

Der WEISSE RING ist die einzige Opferhilfe-Einrichtung, die österreichweit Opfern von jeder Art Kriminalität zur Verfügung steht.
Weisser Ring Österreich

Schlussbemerkung Nicola Werdenigg

Mir persönlich ist es ein ganz wichtiges Anliegen, darauf hinzuweisen, dass mein Engagement nicht darauf gerichtet ist, gegen einen einzelnen Sportverband vorzugehen, sondern für junge Menschen die Freude an Bewegung durch eine respektvolle Atmosphäre zu bewahren.

Hilfe für Betroffene

Neben den 25 Betroffenen, die direkt Kontakt mit mir aufgenommen hatten, wurden auch in sechs Fällen spätere Gespräche mit von Angehörigen gemeldeten Betroffenen geführt, bzw. wurden Ansprechpartner – Therapeuten, Rechtsbeistand, zuständige Polizeidienststellen und die Kommission des Landes Tirol – vorgeschlagen.

Der #MeToo Effekt

In allen persönlichen Gesprächen ging es den Betroffenen darum, ihre Erlebnisse zu schildern (viele zum ersten Mal) und Verständnis zu finden. Das Vertrauen in eine Person, die selbst ähnliches erlebt hat und die Sportstrukturen kennt, spielt dabei eine große Rolle.

Therapie und Verständnis

Niemand stellte Überlegungen nach finanzieller Entschädigung an. Es wurde oftmals versichert, dass alleine „darüber Reden können“ das Wertvollste sei. Hier besteht noch großer Bedarf an Aufklärung über therapeutische Möglichkeiten und ihre Finanzierung.

Dunkelziffer

Ausgehend von der deutschen Studie „Safe Sport“, wonach jede(r) dritte Leistungssportler*in zumindest einmal sexualisierten Machtmissbrauch im Karriereverlauf erlebt und eine/r von neun Befragten schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt im Sport erfahren hat, erscheint die Zahl der Menschen, die sich gemeldet haben und über Vorfälle sprachen, die sich in einem Zeitraum von 50 Jahren zugetragen haben sollen, gering.

Scham und Angst über erlittene sexualisierte Gewalt zu sprechen ist unter Athlet*innen stark vorhanden. Im Sport sollte man stark sein und auch als Frau „seinen Mann stehen“. Für betroffene Männer ist es deshalb noch schwieriger über ihre schlimmen Erfahrungen zu reden.

Viele Betroffene sprachen von Angst: Einerseits, dass ihnen nicht geglaubt würde und andererseits vor Stigmatisierung oder gar wirtschaftlichen Repressalien.

Enttabuisierung des Themas sexualisierter Machtmissbrauch

Letztendlich hat meine Entscheidung, die persönlichen Erfahrungen öffentlich zu machen, in mehrfacher Hinsicht Wirkung gezeigt. Ähnlich wie in England und im Bereich des dort populären Fussballsports wurde in Österreich im Kontext des „National-Sports“ Ski eine breite Debatte zum Thema sexualisierter Machtmissbrauch initiiert.

Offene Fragen und Lösungen

In der Öffentlichkeit wurde das Thema polarisierend zwischen meiner Person und dem Österreichischen Skiverband abgehandelt.

Mein Motiv: Die Frage, wie Präventionsmaßnahmen noch besser in österreichischen Sportstrukturen kommuniziert, etabliert und umgesetzt werden können, trat dabei in den Hintergrund.

Umso wichtiger erscheint die Vernetzung bereits bestehender externer Anlaufstellen und vor allem eine unabhängige wissenschaftliche Studie, die Strukturen untersucht und Zahlen & Fakten liefert.

Mit dem Verein #WeTogether zur Prävention von Machtmissbrauch im Sport, wollen wir vor allem die Vernetzung und Aufklärung unterstützen. Es gibt bereits Kooperationen mit bestehenden Einrichtungen, Sporverbänden & -vereinen und ein Rohkonzept für eine europaweite Kommunikationsplattform.

Umfrage Studie zu sexualisierter Gewalt?

Umfrage Studie zu sexualisierter Gewalt?

Eine Studie zu sexualisierter Gewalt im österreichischen Sport ist ein vordringliches Anliegen von #Wetogether.

Hintergründe

Wo bleibt die Studie über sexualisierte Gewalt im Sport?
Safe Sport – umfassende Studie aus Deutschland

Wir brauchen Zahlen und Fakten

Wie weit verbreitet ist sexualisierte Gewalt im österreichischen Sport? Alle an Präventionsarbeit Beteiligten drängen auf die Erhebenung von aktuellen Zahlen.

Was meinst du?
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Begriffe zum Thema sexualisierte Gewalt - Glossar von #WeTogether

Begriffe zum Thema sexualisierte Gewalt

Unterschiedliche Begriffe zum Thema sexualisierte Gewalt kommen in Medien und Diskussionen vor, seit das gesellschaftliche Phänomen sexualisierte Gewalt von Betroffenen Frauen öffentlich gemacht wurde. Neben Bezeichnungen wie beispielsweise ’sexueller Missbrauch‘, ’sexualisierte Gewalt‘ oder ’sexuelle Gewalt‘ werden in der Literatur Begriffe wie ‚Inzest‘ oder ‚Seelenmord‘ zur Beschreibung sexualisierter Gewalthandlungen verwendet.

Wir wollen einen Beitrag zur Aufklärung leisten und ein wichtiges Thema besser begreifbar machen.

Glossar

SEXUALITÄT

Sexualität ist untrennbar mit dem Menschsein verbunden.

Sexualität bedeutet sinngemäss Geschlechtlichkeit und bezeichnet im engeren biologischen Sinn die Gegebenheit von verschiedenen Fortpflanzungstypen – Geschlechtern. Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinne bezeichnet der Begriff die Formen dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Geschlechtspartnern.

Im weiteren Sinn bezeichnet Sexualität die Gesamtheit der Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen von Lebewesen in Bezug auf ihr Geschlecht.

Zwischenmenschliche Sexualität wird in allen Kulturen auch als ein möglicher Ausdruck der Liebe zwischen zwei Personen verstanden.

SEXISMUS

Sexismus ist ein Machtinstrument

Sexismus, abgeleitet aus dem Englischen „sex“ = biologisches Geschlecht‘ und Nachsilbe -ismus, ist ein Oberbegriff für eine breite Palette von Einzelphänomenen unbewusster oder bewusster Diskriminierung auf der Basis des Geschlechts.

Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen.

SEXUELLE BELÄSTIGUNG

Sexuelle Belästigung ist ein Mittel zur Machtausübung

Seit 2016 ist sexuelle Belästigung auch in Österreich ein Straftatbestand bei dem Machtgefälle bzw. Abhängigkeitsverhältnisse einseitig sexualisiert und damit aufrechterhalten werden.

Inhaltlich handelt es sich bei sexueller Belästigung um konkretes, sexuell bestimmtes Verhalten, das unerwünscht ist und durch das sich eine Person unwohl und in ihrer Würde verletzt fühlt.

Als sexuelle Belästigung gelten unter anderem sexualisierende Bemerkungen und Handlungen, die entwürdigend bzw. beschämend wirken, unerwünschte körperliche Annäherung, Annäherungen in Verbindung mit Versprechen von Belohnungen und/oder Androhung von Repressalien.

SEXUALISIERTE GEWALT & SEXUALISIERTER MACHTMISSBRAUCH

Sexualisierte Gewalt ist sexualisierter Machtmissbrauch

Sexualisierter Machtmissbrauch sind Handlungen mit geschlechtlichem Bezug ohne Einwilligung beziehungsweise Einwilligungsfähigkeit des/der Betroffenen und insbesondere Delikten wie zum Beispiel sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern übergeordnet.

Sexualisierte Gewalt wird dabei der physischen Gewalt (zum Beispiel Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen) und der psychischen Gewalt nebengeordnet.

SEXUELLER MISSBRAUCH

Sexueller Missbrauch ist nur ein juristischer Begriff. Er definiert sexuelle Gewalt gegen Wehrlose.

Sexueller Missbrauch bezeichnet sexuelle Handlungen an Minderjährigen oder an erwachsenen, widerstandsunfähigen Personen z. B. Kranke, Behinderte, Hilfsbedürftige, Gefangene.

Im Kontext spezieller Behandlungs- und Betreuungsverhältnisse, z. B. Psychotherapie, werden sexuelle Kontakte auch mit Einverständnis des Klienten als Missbrauch seitens des professionellen Helfers gewertet.

UNTERSCHIEDE SEXUELLER MISSHANDLUNGEN

Sexuelle Misshandlungen werden in „Hands-On“- und „Hands-Off“-Taten unterteilt.

Bei den „Hands-On“-Taten kommt es zum Körperkontakt zwischen Opfer und Täter.

Unter „Hands-Off“-Handlungen fällt das Vorzeigen pornografischer Materialien bzw. das Herstellen pornografischer Fotos und Filmaufnahmen von Kindern, auch von Erwachsenen ohne deren Einwilligung, Exhibitionismus, Voyeurismus sowie alle weiteren sexuell-intendierten Handlungen ohne körperliche Berührung zwischen Opfer und Täter.

Studie sexualisierte Gewalt im Sport verzögert

Studie sexualisierte Gewalt im Sport

Wo bleibt die Studie über sexualisierte Gewalt im Sport?

Der ehemalige Sportminister Hans Peter Doskozil wollte in den letzten Tagen seiner Amtszeit noch Akzente im Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Sport setzen. In einem Interview kündigte er an eine Studie zu beauftragen. Untersucht soll werden, wie weit verbreitet sexualisierte Gewalt im österreichischen Sport ist. Während der Amtszeit von Doskozil wurde entgegen der Ankündigung keine Erstellung einer Studie in Auftrag gegeben.

Keine Zahlen in Österreich

In Österreich fehlen jegliche Zahlen zu Missbrauchsfällen im Sport. In Deutschland untersuchten die Sporthochschule Köln und das Universitätsklinikum Ulm im Projekt „Safe Sport“ Häufigkeit und Formen von sexualisierter Gewalt im Wettkampfsport. Mit der Prävention betraute das Sportministerium zwar den Verein „100% Sport“. Eine Studie wurde auch dort angekündigt. Die Umsetzung wurde jedoch nie beauftragt.

Politische Hürden

Rosa Diketmüller leitet die Arbeitsgruppe „Sexualisierte Gewalt“. Diketmüller ist Assistenzprofessorin am Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport der Universität Wien und auch Partnerin des EU-Projekts Voice, bei dem Erfahrungsberichte von Opfern gesammelt werden, um Entscheidungsträger im Sport zu sensibilisieren. Die Strukturen und ExpertInnen für einen Forschungsauftrag sind vorhanden. Es scheitert an politischen Hürden.

#WeTogether für rasche Umsetzung

Die wissenschaftliche Erhebung und Auswertung von Zahlen, Fakten und Zusammenhängen ist für Präventionsarbeit in mehrfacher Hinsicht unerlässlich. Nicht zuletzt um die Notwendigkeit für die rasche Umsetzung von gezielten Massnahmen in der Öffentlichkeit und bei Verbandsfunktionären deutlich zu machen. #WeTogether wird alle Möglichkeiten wahrnehmen um die Zuständigen in der Sportpolitik zu überzeugen, dass der rasche Auftrag eine Studie zu erstellen unumgänglich ist.

 

 

Safe Sport - #WeTogether gegen Machtmissbrauch im Sport

Safe Sport

Ziel des Projekts Safe Sport ist die Schliessung von Forschungslücken und die Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport. Mit Hilfe einer Online-Befragung wurden 1.799 Kaderathleten aus 128 verschiedenen Sportarten in Deutschland zu sexualisierter Gewalt im Sport befragt.

  • Etwa ein Drittel der Befragten hat schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erlebt.
  • Eine/r von neun Befragten hat schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt im Sport erfahren.
  • Die Mehrheit der Betroffenen sind bei der ersten Gewalterfahrung jünger als 18 Jahre.

Die Studie untersucht auch den Umsetzungsstand von Präventionsmaßnahmen im organisierten Sport. Dazu wurden Sportverbände, Olympiastützpunkte, Sportinternate und Vereine systematisch befragt.

Ausführliche Informationen zur Studie, die von der Deutschen Sporthochschule Köln zusammen mit dem Universitätsklinikum Ulm durchgeführt wurde.
PDF

Feedback zum Massnahmenpaket ÖSV - #WeTogether

Feedback zum Massnahmenpaket des ÖSV

Der Österreichische Skiverband hat nach den Meldungen zu sexualisierter Gewalt im Skisport heute erstmals konkrete Schritte angekündigt. Hier unser detailliertes Feedback zum Massnahmenpaket des ÖSV.

ÖSV setzt mit Expertenteams auf Aufklärung, Analyse und Prävention

Presseaussendung im Auftrag des ÖSV (OTS) 11.1.2018

Rasch handeln mit bereits bestehenden Konzepten

Wir freuen uns, dass im Bewusstsein für die Problematik Maßnahmen diskutiert werden. Allerdings sollte rasches Handeln im Vordergund stehen. Es gibt bereits gut ausgearbeitete Programme für Sporttrainer zur Prävention von und Hilfe bei Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt in der Praxis. Andere Sportverbände in Österreich und in anderen Nationen haben sie bereits erfolgreich in die Trainer-Ausbildung und den Trainingsbetrieb etabliert.

Man muss hier nichts neu erfinden, sondern umgehend die vorhandenen Empfehlungen umsetzen.

Nicht nur im Spitzensport

Wir haben die letzten Wochen genützt, um in vielen Gesprächen einen klaren und koordinierten Weg zu finden. Der ÖSV stellt sich dieser Verantwortung. Unser Ziel ist es, unseren SpitzenathletInnen, TrainerInnen und BetreuerInnen die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu geben, um erfolgreich sein zu können.
PA ÖSV 11.1.2018

Der ÖSV ist sich offenbar seiner Gesamt-Verantwortung als Fachverband nicht bewusst. Spitzensport ist nur ein Teil, des in den Satzungen festgelegten Vereinszwecks.

Struktur & Funktionäre

„Mit über 1100 Vereinen, in denen ca. 141.000 sportbegeisterte Mitglieder aller Altersgruppen organisiert sind, ist der Österreichische Skiverband einer der größten Sportfachverbände Österreichs. Gemäß der Satzung des Österreichischen Skiverbandes ist die Tätigkeit des ÖSV nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern auf die Verfolgung gemeinnütziger Zwecke.

Hauptziel des Verbandes ist die Förderung des aktiven Wintersports zum allgemeinen Wohl, zur körperlichen Ausbildung sowie als wesentlicher Beitrag zur Gesundheit.“
https://oesv.at/deroesv/struktur/index.php

  • Jeder, in Österreich im Rahmen des Skisports – mit Ausnahme des Berufs-Skilehrwesens – tätige Trainer & Skiinstruktor, durchläuft eine Ausbildung nach Kriterien des ÖSV, die von der Bundessportakademie durchgeführt wird.
  • In skispezifischen Schulen sind in der Regel nur Trainer mit entsprechender Ausbildung durch den ÖSV tätig.

ÖSV ist auch für Nachwuchsbereich zuständig

Nachwuchsläufer, die an Skirennen teilnehmen möchten, müssen Mitglied im ÖSV sein. Bei Minderjährigen müssen Eltern sogar in der Regel einen, in der FIS bzw. dem ÖSV einheitlichen, Haftungsverzicht unterzeichnen, sobald Kinder in einen Kader aufgenommen werden sollen.

Wenn der ÖSV Vorfälle in Zukunft weitgehend ausschließen möchte, muss sich die Verbandsleitung der Verantwortung für alle Ebenen eines Fachverbands bewusst werden.

Sofortmassnahmen aufgrund der aktuellen Ereignisse

  • Die Vorlagepflicht für einen Strafregisterauszug im Hinblick auf Sexual- und Gewaltdelikte für alle Trainer und Betreuer auf allen Leistungsniveaus, fehlt im Massnahmenpaket.
  • Als Fachverband hätte der ÖSV auch die Aufgabe sofort Massnahmen zu ergreifen, wenn ein, wegen eines angezeigten Delikts, suspendierter Trainer/Betreuer bis zur rechtlichen Klärung in einer anderen Institution oder in einem anderen Bundesland wieder eine Position/Anstellung erhält.

Der ÖSV muss sofort alles daran setzen um allen Opfern im Verbandsumfeld Hilfe anzubieten.

Es ist nicht notwendig das Rad neu zu erfinden

Laut Presseaussendung hat Schröcksnadel ExpertInnen eingeladen, Vorschläge zu erarbeiten, die auch anderen österreichischen Sport- Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden.

Wir möchten ausdrücklich betonen, dass wirksame Massnahmenpakete bereits erarbeitet und in anderen Sporteinrichtungen schon umgesetzt werden. Zum Beispiel hat sich der Volleyballverband an den Präventionsvorschlägen von 100% Sport orientiert und ein Sofortmassnahmenpaket umgesetzt. Chris Karl ist bereits laufend in Skisporteinrichtungen – Schulen, Vereine, Verbände – tätig um SportlerInnen, Eltern, Trainer & Betreuer aufzuklären und zu unterstützen.

In Österreich ist man bereits gut aufgestellt. Andere Sporteinrichtungen setzen Massnahmen bereits um. Anstatt der Bestrebung eine Vorreiterrolle einnehmen zu wollen, wäre ein spartenübergreifender Austausch zweckmässiger. Eine Vernetzung mit bereits bestehenden Einrichtungen wäre eine rasche und effektive Massnahme.

Zeitfaktor

Zur Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch, wurde von Waltraud Klasnic ein Expertenbeirat eingerichtet, der unter anderem die Behandlung der konkreten Fälle, die bis 31. Mai 2018 gemeldet werden abdecken soll. Der Erhebungs-Zeitrahmen ist erfahrungsgemäss zu kurz. Meldungen über weiter zurückliegende Fälle von betroffenen aktiven AthletinnenInnen während oder zeitnah der/zur Wettkampfperiode sind naturgemäß kaum zu erwarten.

Anlaufstelle für Betroffene

Wie schon öfter betont, wollen wir die Integrität von Frau Klasnic nicht in Frage stellen. Wir wissen allerdings aus zahlreichen eingehenden Meldungen und einem Austausch mit Experten, dass es für Betroffene in einer Organisation aus Vertrauensgründen meistens schwierig ist, die selbe Organisation um Hilfe zu fragen. Zudem ist eine telefonische Meldehotline über einen privaten Mobiltelefonanschluss unprofessionell.

Etablierte Organisationen bieten geschulte Ansprechpartner an allen Tagen rund um die Uhr an. Sämtliche eingehenden Meldungen müssen automatisch protokolliert werden.

Zusammenfassung: Feedback zum Massnahmenpaket des ÖSV

Obwohl über den Vorwurf von Frau Werdenigg hinaus keiner der in der Öffentlichkeit genannten Fälle den ÖSV direkt betrifft, sieht der Skiverband das allgemeine Problem und will dazu einen wichtigen, nachhaltigen Beitrag leisten, da auch wir mögliche Vorfälle für die Zukunft ausschließen wollen.

Es geht im Zusammenhang mit allen angesprochenen Vorfällen, insbesondere den aktuellen, nicht um Spitzenleistungen sondern einzig um die Etablierung bereits gut entwickleter Massnahmen gegen Machtmissbrauch & sexualisierte Gewalt. Der ÖSV muss Sofort-Massnahmen ergreifen um Opfern umgehend Hilfe anzubieten. Sich hier aus der Verantwortung zu ziehen ist inakzeptabel.

Nicola Werdenigg & Chris Karl

Von #metoo nach #WeTogether

Von # metoo nach #WeTogether

Rückblick mit Aussicht auf eine starke Bewegung von # metoo nach #WeTogether.

Editorial von Nicola Werdenigg zum Jahreswechsel

Der Jahreswechsel steht an und mit ihm möglicherweise auch ein Pradigmenwechsel. Dazu müssen wir alle gemeinsam die Grundlagen von Machtmissbrauch verstehen und Begriffe begreifbar machen. Was wir noch beachten sollten, ist die nach wie vor bestehende Stigmatisierung von Betroffenen sexualisierter Gewalt.

Stigma kills

Der von sexualisierter Gewalt betroffene Mensch wird nicht nur körperlich verletzt, sondern auch psychisch. Opfer können jahre-, jahrzehntelang unter Depressionen oder Posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Zu allem Überfluss werden sie in vielen Gesellschaften auch noch ausgestoßen. Sie gelten als beschmutzt. Ihnen wird die Schuld gegeben, die doch allein beim Täter liegt. Mir wurde in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen der urbanen und ländlichen Gesellschaft sehr klar. Auch der verbale Umgang mit dem Thema ist mir aufgefallen.

Sexualisierte Begrifflichkeiten

In meinem persönlichen Jahresrückblick taucht ab dem 20. November, als ich erstmals öffentlich von meiner Vergewaltigung sprach, viel Sex auf. Der Boulevard verwickelt mich in Sex-Skandale mit dem Skiverband und berichtet von meiner Einvernahme durch die Kripo zu Sex-Übergriffen. Die Socialmedia-Meute will von mir Namen der Sex-Täter erfahren, der Skiverband spricht in einem Atemzug von Pantscherln und Verleumdung, eine Ex-Kollegin wohlmeinte gar, dass zum Sex immer zwei dazu gehören.

Eine Vergewaltigung hat nichts mit Sex zu tun.

Eine Vergewaltigung ist nicht aggressiver Sex. Eine Vergewaltigung ist sexualisierte Aggression, sexualisierter Machtmissbrauch in schwerer körperlicher Form. Neben seelischen Schäden tragen die Opfer oft körperliche Schäden bis zum Tod davon. Vergewaltigung wird auch systematisch als Waffe im Krieg eingesetzt. Terroristen und Soldaten nutzen Vergewaltigung oft um ganze Gemeinschaften zu zerstören.

Erfüllender Sex hat immer mit Respekt zu tun

Sex ist sehr unkompliziert, wenn man von keinem Komplex, sondern von einem Bedürfnis geleitet wird, meinte der Erfinder von Kommissar Maigrait. So klar ist Sex aber nicht, finde ich. Das Bedürfnis gepaart mit Komplexen macht ihn kompliziert. Nicht den Akt an sich. Da gebe ich Simenon recht. Die Voyeure tun sich schwer. Und all jene mit anderen Komplexen, die körperliche Hingabe im Austausch zwischen Menschen auf gleicher Augenhöhe kaum kennen.

Kinder respektieren lernen

Respektvolles oder respektloses Handeln wird uns in die Wiege gelegt. Diese Erfahrung macht jeder Mensch; zum ersten Mal bei seiner eigenen Geburt. Viele Säuglinge, wenn sie verstanden würden, müssten kein Lied davon weinen. Die Phase in der sich Kinder, Väter und Mütter zu gemeinsamen Familien-Kommunikationsformen zusammenfinden, ist nicht immer einfach und selten geradlinig. Es kann gar zu Konflikten führen, wenn in dieser Zeit nicht Empathie sondern Zweck im Mittelpunkt steht.

Respektlose alte Systeme

Respektlosigkeit für sehr junge Menschen kommt in gängigen Erziehungssystemen oft vor. Sie werden je nach Bedarf unter- und überschätzt. Das Bedürfnis von Kindern wird dauernd nach hinten gereiht, oder nach vorne. Allein gelassen oder mit in die Einsamkeit gezogen, später in die Isolation der gleichgemachten Gesellschaft gestossen. Es ist kaum Platz für Menschen, die sich in „normalen“ Systemen nicht entfalten können oder wollen.

Wirtschaftswunder 2.0.

Die Meisten, die nach dem Krieg bis in die 1970er geboren wurden, hatten eine Kinderzeit erlebt, in der sich die Elterngeneration am Aufbau der Gesellschaft und der Kriegsruinen gleichzeitig beteilgte. Zwei Aufgaben, ein Vektor, das ging gut. Dann kam das Wirtschaftswunder 2.0. Das tat nicht allen gut. Dort wo Landwirte zu Gastwirten wurden und durch die Industrialisierung des Tourismus schliesslich Hoteliers, wird es deutlich: Zeit ist Geld, das bekommen die Kinder am deutlichsten zu spüren.

Macht des wirtschaftlichen Erfolgs

Die einst bodenständigen Alten, suchten als Weg aus dem Kriegstrauma die Flucht in Verdrängung. Sie liefen dem nächsten toxischen System geradewegs in die Arme. Unreflektierter Kapitalismus, mit seiner Forderung nach uneingeschränktem Wirtschaftswachstum war die Zauberformel. Mit ihr konnten Gewinne maximiert und Mitgefühle möglichst klein gehalten werden. Das vermeintliche Recht des Stärkeren wurde durch die Macht der Erfolgreicheren abgelöst.

Soziale Systeme wie in der Steinzeit

Wir befinden uns noch immer in der Lebensform, die mit unseren Urahnen vom Fruchtbaren Halbmond in der Jungsteinzeit nach Europa kam. Wir sind sesshaft, wir sind spezialisiert, wir produzieren, wir bilden Kapital, wir haben archaische Konflikte, die wir lösen oder auch nicht. Wir leben in sozialen Schichten, in der neolithischen Gesellschaftsform, die vor rund 12.000 Jahren in Vorderasien entstand.

Jetzt gibt Narzissmus den Ton an

Ob das Bedürfnis nach Macht als Selbstzweck bereits in der Jungsteinzeit existierte, weiss ich nicht. Dass Machtmissbrauch im Gesellschaftssystem, das nach dem 2. Weltkrieg entstand, allgegenwärtig ist, schon. Wir lassen uns von krankhaft narzisstischen Persönlichkeiten regieren. Wir sehen allmächtige Wirtschaftshierarchien als Gegebenheit. Wir haben Unterdrückungsmechanismen hingenommen, die viele ohnmächtig und die wenigen Mächtigen mächtiger machen.

#metoo

Und dann kam #metoo. Die Bewegung, die mehr als zehn Jahre alt ist, bekam prominente Unterstützung. Angestoßen wurde sie von der afroamerikanischen Aktivistin Tarana Burke, die sich für Gleichberechtigung junger afroamerikanischer Frauen engagiert. So wie ihr ging es auch mir nie um eine Kampagne, die viral geht. Es geht um eine Bewegung. Einen starken Auftritt gegen Machtmissbrauch. Davon sind Frauen und Männer und ganz besonders Kinder betroffen.

Von #metoo nach #WeTogether

Dieses Problem können wir nur gemeinsam lösen. Dazu müssen wir es definieren. Wir werden die sexualisierte Begrifflichkeit am Stammtisch und im Boulevard durch Begreifbarkeiten erwidern. Wir werden die Aussage eines Sportpräsidenten, wonach es in seinem Verband keine Sexualität gäbe, zum Anlass nehmen aufzuklären aber nicht auszulachen.

Ein gutes Neues Jahr und Prosit auf den Paradigmenwechsel!
nicola